Michel, nachladen!

Posted: 11/05/2011 in Politik

Deutschland hat es aufs Treppchen geschafft. 3.Platz. Hinter den USA und Russland aber noch vor Frankreich, Großbritannien, Spanien und China! Jetzt aber erst mal einen großen Schluck Schaumwein. Ein Grund zum Feiern!
Sollte man meinen.
Es ist aber nicht die Weltrangliste für Fußball, Skating, Freeclimbing, Halma, Tapezieren oder Bier trinken, in der Deutschland so weit oben steht.
Nein, Waffenexport ist das gesuchte Wort. Die Firmen, die das erreicht haben, heißen Krauss-Maffei Wegmann und Heckler & Koch, EADS-Cassidian, Rheinmetall und -natürlich- ThyssenKrupp. Tradition verpflichtet. Um die 80.000 Menschen stehen hier in Lohn und Brot. Das ist ein Pfund. Mit dem kann man wuchern.
Was, bitteschön, ist daran so schlimm, dass sich die Deutsche Wirtschaft so fleißig um Aufträge im Waffenwesen bemüht. Schließlich werden Steuereinnahmen generiert und die sozialen Sicherungssysteme profitieren auch davon. Außerdem: Deutsche Exporte gehen ja nicht an die Bösen, die Schurken, da sei das Kriegswaffenkontrollgesetz  vor. Nein, so viel steht fest, bevor wir über Moral reden, müssen wir erst mal essen. Und voller Mund spricht nicht. Wenn wir nicht die Waffen verkaufen, die wir hier in unserem friedensbewegten Land schaffen, dann machen es die Anderen. Was ist gegen Qualität einzuwenden. Friedlicher wird die Welt ohne deutsche Waffen nicht. Der Mensch ist ein aggressives, an Ressourcen orientiertes Tier. Punkt und Ende.
So wird ein einfaches Meinungsbild in Taka-Tuka Land gestrickt. Ich mach mir die Welt, lalalala so wie sie mir gefällt. Der deutsche Michel, in vorauseilendem Kadavergehorsam geschult, hat mal wieder in seinen Gedanken-Sparmodus geschaltet. Er glaubt, was er sagt, weil er glaubt, dass er etwas gesagt hat, wenn er etwas sagt.
Und was sagt er so, der Michel?
Zitiert aus SpON:
„Eine Welt ohne Krieg und Mord und Totschlag ist genau so toll wie unrealistisch. Warum nicht also noch ein Paar Arbeitsplätze sichern? Auch in der Maschienengewehrfabrik arbeiten Familienväter-/Mütter!“
„Wir können froh sein, dass Deutschlands Rüstungsindustrie offenbar im Stande ist, begehrte Waffen zu entwickeln und zu verkaufen. Bei anderen Technologien ist da der Zug längst abgefahren. Dieser Export stabilisiert das Land – und im Übrigen auch die dadurch finanzierten Sozialleistungen etc.
Es ist doch schon tragisch genug: Drei Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) stemmen den Länderfinanzausgleich – und jetzt auch noch die Euro- und Bankenkrise.
Und dann will man kritisieren, wie dieses Geld erwirtschaftet wird?“
„In welcher Welt leben diese Kritiker eigentlich: Ohne Exporteinkommen auch aus Waffenhandel, würde uns dieses Hartz IV- gepamperte Land mit seinen zahllosen Arbeitsunwilligen mit oder ohne Migrationshintergrund und den fragwürdigen Bankenhilfen und Hilfen für Griechenland, Italien, Spanien, Irland und Portugal schon lange um die Ohren fliegen!“
„Waffen sind Teil der Menschheit seit Anbeginn der Spezies, sie wurden immer gebraucht und werden immer gebraucht.
Eine Welt in der keine Waffen mehr existierten, wäre eine andere Welt mit anderen Menschen, die wir aber nicht sind. Aus diesem Grund sind auch alle sozialistischen Experimente fehlgeschlagen. Glücklicherweise.“

Hey Pipi Langstrumpf, fallari fallara fallahoppsassa…
Mit Logik hat das alles nicht zu tun.
Susan Greenfield, eine der führenden Neurowissenschaftlerinnen, sagt: “Logik ist so ziemlich das Letzte, womit sich unser Gehirn beschäftigt. Das Gehirn rechnet nicht, es will sich bloß wohlfühlen.”
Wohlfühlen?
Da sperrt sich der Verstand. Aber er spannt auch aus. Je nachdem, aus welcher Hülle er funkt.
Die hier Zitierten sind sich sicher, was das Wesen des Menschen betrifft, was die Tragweite ihrer Argumente angeht sicher nicht.

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
Schlussfolgern wir logisch, was der deutsche Philosoph Immanuel Kant in Form seines “Kategorischen Imperativs” als „vernünftig“ darstellt, dann entsteht ein Dilemma. Michel meint, der Mensch sei wie er ist, nun ja, das könnten wir noch ändern. Mit etwas freiem Willen. Michel meint aber auch: “Wenn wir es nicht tun, das Waffenverscherbeln, dann tun es eben die anderen. Hauptsache die Wirtschaft brummt.” Das freut doch sicher die Opfer kalter und heißer Kriege, dass sie von “Leopard”, Typ 214 oder MP5, Eurofighter und anderem Qualitätsgut made in germany niedergemacht werden. Die Entscheidung wurde sich nun wirklich nicht leicht gemacht. Michel fühlt sich wohl und kann sein persönliches und moralisch für gut befundenes Anspruchsdenken vor seinem Breitbildschirm-Realitätsfilter abfeiern. Wir sind das Land der Denker, das lassen wir uns nicht nehmen.
Sicherlich ist es ein wenig kurz gedacht, wenn man Rüstungsverkäufe damit rechtfertigt, dass das Geld sonst anders wohin geht. Das ließe als Schlussfolgerung zu, dass es auch gerechtfertigt sei, weitere AKWs ans Netz zu bringen, die Sklaverei wieder einzuführen und letztlich den Drogenverkauf und die Kinderprostitution wieder in die eigene Hand zu nehmen. Sonst machen das die Anderen. Warum soll der liebe Michel nicht einen Vorteil daraus ziehen?

Es ist zu hinterfragen, wenn Produkte hergestellt werden, deren einziger Zweck das Verletzen und Töten von Menschen ist, warum diese subventioniert werden und es ist auch zu hinterfragen, warum Firmen damit Milliarden verdienen. Und wer, wenn nicht unser Michel, wird mit dem abgehangenen Angstszenario des globalen Terrorismus so verschreckt, dass er es inzwischen schon als normal empfindet, dass deutsche Soldaten im Kongo und Afghanistan, Somalia und dem Balkan als Handelsvertreter der Totmacher auftreten?

Angeliefert werden die Frieden stiftenden Industriegüter natürlich nur an die Guten. Das ist wichtig und hilft, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Wenns dann mal aus dem Ruder läuft, wie bei Obama und den USA oder dem Irak/ Iran und den USA -  egal. Es gibt gut klebende Label, erhältlich in jedem ordentlich sortierten Gehirnwäscheunternehmen, die aus Staatsfreunden schnell Staatsfeinde machen. Man konnte ja nun wirklich nicht ahnen, dass der Gaddafi ein irrer Diktator ist, der mit deutschem Material auf sein Volk losgeht…Waffen nur dahin, wo sie mit Verstand eingesetzt werden, diese Maxime grenzt schon an Verstandsverweigerung.

Selbst die anrührend klassenkämpferisch auftretenden Gewerkschaften sitzen in der Widerspruchsfalle. Wie soll denn die IG Metall noch zu Ostermärschen aufrufen, „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Abrüstung jetzt“ fordern und sich gleichzeitig für den Erhalt Tausender Jobs in der Rüstungsindustrie einsetzen, weil der Wehretat gekürzt werden soll? Moralisch sind die Gewerkschaften längst ein Insolvenzfall geworden.
Die Anpassung an den ehemaligen Gegner hat sich perfekt vollzogen. Aus der zerbrechenden Welt der Industriegesellschaft wird versucht zu retten, was zu retten ist. Im Klartext: Geld, Macht, Einfluss, Posten.

Da wird es tragisch. Früher gab es für Heavy-Metal Konzerne wie Rheinmetall gute Rüstungsaufträge, aber kein Ansehen in der Bevölkerung. Jetzt kommt der Meinungsumschwung, aber gekürzte Budgets zwingen zum Sparen.
Wie soll man da denn noch gute Geschäfte machen? Und vor allem: Womit?
Alles eine Frage des Anstands.
Aber was ist das schon, Anstand? Das Wort Anstand stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Wenn ein Heerführer mit dem Chef der gegnerischen Truppe einen Waffenstillstand ausgehandelt hatte, dann mussten sich die Soldaten “hinten anstellen”. Sie mussten Geduld aufbringen, sich Zeit lassen, warten. Der Anstand nahm die heiße Luft aus der Konfrontation, er brachte die Mannschaften dazu, nicht voran zu preschen, sondern ihren Normalzustand wiederzufinden.
Michel, hier wäre doch mal der Augenblick gekommen, innezuhalten. Sich mal vom Sachzwangverwalter verabschieden. Das ist nämlich kein Beruf, das ist großer Mist, das Gegenmittel heißt Anstand! Waffenexporteure sind keine Friedensstifter, es sind Profiteure der Angst und der Krisen, die sie selbst schüren. Schließlich verstehen diese „Herren“ etwas von ihrem Kerngeschäft.

Vielleicht hilft es aber auch, einmal mit geöffneten Ohren ins Kino zu gehen. Und etwas dazu zu lernen. Wie das mit dem Anstand gehen kann das sagt uns der Richter Leonard White in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ nach der Romanvorlage von Tom Wolf: “Das Gesetz ist des Menschen wahrhaft klägliches Bemühen, die Prinzipien festzuhalten, die der Anstand gebietet. Der Anstand! Und Anstand ist doch kein Geschäft, ist keine Mauschelei, kein Vertrag, kein schneller Deal. Anstand ist das, was Ihre Großmutter Sie gelehrt hat. Es steckt in Ihren verdammten Knochen. Und jetzt gehen Sie nach Hause und versuchen Sie, anständige Menschen zu sein. Versuchen Sie es.”
Also Michel, nachladen!
Den Verstand, nicht das Gewehr!!!

Kollateralfreuden

Posted: 09/05/2011 in Gesellschaft

Das deutsche Gemüt wird allgemein an bierseeligen Stammtischen verortet. Da ganz und gar nicht auf öffentlichen Revoluzzer geeicht, nordet sich der Deutsche gern an der Heimatfront des moralinsauren Schwadronierer ein. Stets am Puls der Zeit, wenn es um die großen Antworten auf Fragen wie Gerechtigkeit, Menschenwürde, Kinderarmut oder Störung der Nachtruhe geht. Deutschland ist ein Land der vorauseilenden Moralität. Sauberkeit und Ordnung, Ehrlichkeit und Recht sind die Koordinaten, an denen sich der Deutsche scheinbar orientiert. Zu Zeiten der real existierenden DDR war ein klares „Geh doch nach Drüben, wenn es Dir hier nicht passt“ Standartantwort auf zweifelnde Fragen an das eigene Wertesystem. Links, das war da drüben, Links waren Nestbeschmutzer, die unmissverständlich aufgefordert wurden, sich nach Magdeburg, Dresden oder Anklam zu entsorgen. Dass sich ein solches Gemüt schnell in Widersprüche verwickeln kann, wird gar nicht oder nur sehr unduldsam wahrgenommen. Unmittelbar nach der Wende wurde nämlich schnell klar, dass eben nicht so schnell zusammenwächst, was zusammen gehört.

„Das ist schön bei den Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht“ (Heine).

Und so zogen und ziehen sich die Deutschen in rührigen Grabenkämpfen unaufhaltsam über die Stammtische. Vor dem Euro war alles besser, noch heute bunkert der Deutsche Milliardenbeiträge in D-Mark. Zuwanderung ist ein Problem, der Anteil junger Bundesbürger, die das bejahen, liegt bei 34 Prozent. Die Zahl der Türken, die 2009 nach Deutschland einwanderten lag bei 30 000, die Zahl türkischstämmiger Bürger, die 2009 aus Deutschland auswanderten bei 40 000. Mitgerechnet? PISA kapiert? Nur so nebenbei sei erwähnt, dass der Umsatz türkischstämmiger Unternehmer in Deutschland pro Jahr in 35 Milliarden Euro ausmacht. Aber Stammtischfürsten wie Herr Sarazin dürfen vollmundig davon schwadronieren, dass sich Deutschland abschafft.
Längst sind wir zu einem Volk der Ahnungslosen verkommen.
Beispiel Arbeitsmarkt:
Wir suchen Fachkräfte aus dem Ausland, der Anteil an arbeitslosen Fachkräften innerländisch liegt aber immer noch in einem sechsstelligen Bereich. Und die Suche nach Ingenieuren? Pro Jahr gibt es bei Ingenieuren einen Ersatzbedarf von voraussichtlich 9000 Beschäftigten. Dem standen allein im Wintersemester 2009/2010 mehr als 23.000 erfolgreiche Studienabschlussprüfungen gegenüber. So what?
So etwas lässt sich aber von Heuschreckenlobbyisten wie Brüderle und Co. nicht gut am Stammtisch verkaufen…
Bespiel Wirtschaft und Geld:
Der Anteil der Deutschen, die meinen, die Wirtschaft eines Landes sei für den internationalen Einfluss entscheidend, liegt bei 59 Prozent.
Der Anteil der Deutschen, die sich nach eigenen Angaben für Wirtschaft gar nicht oder wenig interessieren, erreicht stolze 87 Prozent?
Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten? Oder was?

„Die Deutschen sind tatenarm und gedankenvoll“
(Hölderlin)

Die BundesMerkel erklärte unmittelbar nach Bin Ladens Erschießung durch ein US-Sonderkommando in Pakistan, sie freue sich darüber, dass es gelungen sei, ihn zu töten. Was nun gar nicht geht. Darum hat ein Hamburger Richter Strafanzeige wegen der öffentlichen Billigung eines Tötungsdeliktes erstattet. Aber am Stammtisch lodern die Feuer. Ein Leser der Online Ausgabe einer deutschen Tageszeitung schrieb als Kommentar:
„Richterkaste
Man kann sich (wie Merkel und Millionen anderer auch) freuen, dass Bin Laden tot ist. Oder man kann es lassen. Deutlich dämlicher als Merkel ist jedoch der Richter, der auf Steuerzahlerkosten (ist doch selbstverständlich, oder?) Klage gegen Merkel eingereicht hat. Er ist stellvertretend für diese Kaste der Papiermüller, deren Lebensinhalt es nachweislich seit jeher ist, ihr Beamtenleben lang ein Rädchen ohne Hirn im Juristengetriebe zu spielen, und unsinngste Unterfangen in quälendem Erbrechen durchzudeklinieren um am Ende festzustellen (was alle anderen zuvor schon wissen): Das ist eh für die Tonne!
Solche sinnenlerten Maden im Steuergelderspeck gehören mit einem Tritt zur Türe hinaus und ab in die nächste Wüste. Dort könnten sie mit einer Flasche Wasser bis zum Vertrocknen Sandkörner zählen. Und sie würden ihren Unsinn nicht einmal verstehen!“
In einer „völkischen“ Zeitung hätte man es nicht besser lesen können.

Wirklich peinlich wird es allerdings, wenn sich dann hochrangige Volksvertreter mit Jurastudium einmischen:
“Diese Debatte in Deutschland irritiert mich. Da kann einer der brutalsten Mörder sein blutiges Handwerk nicht fortsetzen und wir unterhalten uns darüber, mit welchen Worten man diesen Vorgang kommentieren darf”, sagte Westerwelle der “Bild am Sonntag”.
Jawoll, Herr Schwesterwelle, immer noch nichts kapiert. Der Bundesmutti beistehen und dem amerikanischen Friedensnobelpreisträger in den Hintern kriechen? Das irritiert MICH! Ob Freude klammheimlich oder offen ausgedrückt wird, sobald jemand zurück in die Nahrungskette geschickt wird, immer bleibt ein fader Beigeschmack, der nichts freudig tröstliches hat!
Nachdem am 7. April 1977 der Generalbundesanwalt Siegfried Buback von Mitgliedern der RAF erschossen worden war, erschien unter dem Pseudonym Mescalero ein »Nachruf«, der das Land in hellen Aufruhr versetzte:
»Meine Reaktion nach dem Abschuss von Buback ist schnell geschildert: Ich konnte und wollte (und will) eine klammheimliche Freude nicht verhehlen. Ich habe diesen Typ oft hetzen hören, ich weiß, was er bei der Verfolgung, Kriminalisierung, Folterung von Linken für eine herausragende Rolle spielte…“
Heute wird nicht mehr über das Was sondern nur noch über das Wie schwadroniert? Form vor Inhalt? Das hat Klasse.
Millionen Kinder verhungern (Afrika) oder fristen unter der Armutsgrenze ihr Kindsein (Industrienationen EU), weil sich die Bande korrupter Finanzjongleure bereichert. Hier wäre es hilfreich, sich mit ebensolchem Pathos zu Wort zu melden.
Der Gesamtwert der Hilfen und Garantien, die die Hypo Real Estate bislang erhalten hat, liegt bei ca. 95 Milliarden Euro. Verteilte man diese Summe an die Erwerbslosen in Deutschland, hätte jeder 26 369 zu Verfügung und bräuchte keine staatliche Hilfe…

Was solls, der Stammtisch feiert:
Coffee to go ist schwer in Mode. Die kalorienbewussten Trendsetter, die mit großen Kampagnien gegen McDonald´s Fettgerichte zu Felde ziehen, fahren sich mal eben einen Mint Chocolaty Chip Frappuccino Grande mit Sahne von Starbucks rein. Kaloriengehalt: 530. Zum Verleich: Kaloriengehalt eines Hamburgers von McDonald´s: 255
Der Stammtisch ist umweltfreundlich:
Wer nicht Müll trennt wird aussotiert. Wer im Discounter seine Waren einkauft, der schimpft vielleicht über den Verpackungswahnsinn, aber mit der Gelben Tonne im Rücken lösen sich die Probleme von allein. Auch hier ein Vergleich:
Anteil der Erdoberfläche, die von Wald bedeckt ist, in Prozent: 8
Anteil der Erdoberfläche, die von im Meer treibendem Plastikmüll bedeckt ist, in Prozent: 25
Wir fahren mit kostenpflichtigen bunten Umweltzonenplaketten an der Frontscheibe durch unsere Städte (bei der Gelegenheit: ca. 42 500 000 Pkws sind in Deutschland angemeldet, darauf entfallen etwa 2500 Elektrofahrzeuge). Die Fahrzeuge werden gerne, weil kostengünstig, mit Schiffen transportiert, wie auch das Rohöl, das für den Sprit benötigt wird.
Vergleichen wir auch hier:
Jährlicher Ausstoß an schädlichen Schwefeloxiden durch alle 760 Millionen Autos weltweit, in Tonnen: 76 760
Jährlicher Ausstoß an schädlichen Schwefeloxiden durch die 15 größten Schiffe der Welt, in Tonnen: 78 000

Aber das kann doch einen Stammtisch nicht erschüttern.
Freuen wir uns über die kommende Vollbeschäftigung, dass es den Moslems an den Kragen geht, Obama Friedensnobelpreisträger ist, die Ölpest im Golf gar nicht so schlimm war, dass wir einen so intelligenten Außenminister haben, die Mutti es schon richten wird, die Wirtschaft immer wächst, den Banken es wieder gut geht, so ein AKW schon was sicheres ist, immer die Anderen schuld sind, die Türken unsere Arbeitsplätze klauen, das Fernsehprogramm so gut ist…
Außerdem: Wer kann denn überhaupt noch was mitbekommen bei so viel Informationsflut?
Schauen wir mal:
Anteil der Deutschen, die sich von Informationen überflutet fühlen, in Prozent: 61
Anteil der Deutschen, die vor allem das Fernsehen als Ursache dafür nennen, in Prozent: 71
Anteil derer, die Informationen als wichtigen Grund anführen, dass sie fernsehen, in Prozent: 84
Zeit, die in Deutschland im Durchschnitt täglich mit Fernsehen zugebracht wird, in Minuten: 223
DA kommt Freude auf!

5.April 2010

Wie schön ist es doch, einen guten niederländischen Freund zu haben.
Eigentlich ist die Verbindung zwischen Wim und mir weniger auf internationale Beziehungspflege denn auf handfestem Rock´n Roll aufgebaut. Auf Status Quo, dieser Altherrenkapelle mit der Lizenz zur Unsterblichkeit. Drei Akkorde für ein Halleluja, einfach und schlicht. Aber immer wieder neu und immer wieder schön, Headbanging geht leider nicht mehr, Head and Shoulder schon eher.

U
nd da ist sie auch schon, die Brücke zum Fußball.

Wim, Feyenoord Rotterdam Fan und Kaaskopp der ersten Güte hat neben diesem Verein noch eine weitere Marotte und die heißt St. Pauli.
Möglich, dass er als Fernfahrer zu oft in der Elbe umfluteten Hafenstadt verweilt hat oder dass er seine tiefe proletarische Ader auslebt, jedenfalls holländert er mir immer die Ohren voll, dass doch die Hafenstädte zusammenhalten sollen, der HSV ginge aber dann mal gar nicht mit seinem SchickiMicki Getue, St.Pauliii (4x mindestens) ich denke dann immer an rheinische Durchhalteparolen (man muss auch jönne könne) und außerdem möchte ich es mir als bekennender und treuer Fortune mit meinem unentwegten Konzertbegleiter nicht verscherzen, wer weiß, wie lange wir zusammen noch zu Quo-Konzerten müssen.
Spitzenfußball ohne DSF! Die Gelegenheit für einen Ausflug mit Wim! Also habe ich Karten gekauft für F95 -St. Pauli, damit es mal richtig was auf die Mütze gibt für sein Ego, Wim in Duisburg in den Zug geladen und gemeinsam in Richtung Arena gedüst. Abstecher im unwiderstehlichen Mutts gemacht und weiter zur Arena. Dort angekommen musste ich Wim erst einmal erklären, dass der Ordungsdienst und die Einlasslogistik kein schlechter Scherz ist, sondern eine Prüfung für jeden Fan auf dem Weg in die 1. Liga darstellt, der man sich geduldig und opferbereit stellen muß.

Und so standen wir da, einem Pulk von gelangweilten neongelben Klüh-Sklaven gegenüber, die nicht wussten, wann sie denn das Publikum in die Oper lassen dürften (Ortszeit: 18.02 Uhr) Wim, im braungestreiften Astra-Leibchen, wollte vor dem Spiel unbedingt den St.Pauli-Fanshop aufsuchen um für seine für Ostern ausgezählte Enkeltochter einen Strampler zu erstehen (in Braun, wer tut denn ungeborenem Leben so etwas an? – da hast Du keine Ahnung von - aber Wim, hast Du keine Angst, dass das der Kleinen aufs Gemüt schlägt? Ein holländischer Großvater ist doch eigentlich schon – da hast Du keine Ahnung von – sigh). Und da ja nun offenbar kein Interesse bestand uns ins Stadion zu lassen, gingen wir zu einem Arena-Ordungshüter mit Sprechfunk. Wie kommen wir denn vor dem Spiel bitte zum St.Pauli Fanshop! Der informationswillige Ordnungsoberwichtig erklärte auf diese Nachfrage, dass dieses Unterfangen schlicht UNMÖGLICH sei, denn da wir in Besitz von Karten im Bereich der Fortuna-Fans seien (meine persönliche Spitze gegen Wim) würden wir NIE UND NIMMER in den Pauli-Fanbereich kommen.

Das war nun für meinen Frikandelspezi offenbar zu viel des Guten, er setzte seine finsterste Maske auf: das würden wir ja noch sehen, was das denn hier für eine provinzielle Nummer sei, er wolle jetzt den Strampler und von inkompetenten Sachzwangverwaltern lasse er sich mal schon gar nichts sagen…
Inzwischen konnte ich Wim einige Meter weiter lotsen, einerseits um einem sich androhenden Arena-Verbot zu entgehen und um andererseits an einem Bierstand die weitere Vorgehensweise bei einem kühlen Alt abzusprechen. Wie kommt Wim ohne Karte in den Pauli-Fanbereich? Mission Impossible oder was?
Bier hat auch seine guten Seiten. Es kann beruhigen und als isotonisches Getränk neue Leistungskurven aufbauen ( wie immer: die Menge machts). Wim, neuen Mutes und voller Tatendrang, raunte mir zu, wir sähen uns dann später und er wolle dieser ignoranten Bande mal zeigen wo der Hammer hängt, der Strampler muss her, alles andere sei Schnullibulli. Resignierend ließ ich ihn seiner Wege ziehen, wohl wissend, dass das mit dem Hammer nicht wörtlich zu nehmen ist, Wim kann gewaltfreie Kommunikation in vier Sprachen.

Ich machte mich meinerseits auf den Weg zu meinem Block 135. Ein bischen schauen, wer so alles da ist, Karte vorzeigen, rein in den Block, ein bischen rumlungern, raus aus dem Block, ein bischen rumlungern, rein in den – Kann ich mal die Karte sehen? – Hallo? ich bins, erkennen Sie mich nicht mehr? – Ach ja! Sie! Kann ich dann mal die Karte sehen? – Rein in den Block, auf Wim warten, rumlungern, raus aus dem Block, auf Wim warten, rumlungern, rein in den – die Karte bitte? - Zunächst war mir, als ob dieser signalgelbe Ordnungsvogel mich speziell ausgewählt hatte um an mir sein Exempel der unnachgiebigen Ordungs- und Kontrolltreue zu statuieren. – Ich bin es doch nur wieder – Ach ja! Sie! Kann ich dann mal…- Es kam niemand ungeschoren an dieser Knallweste vorbei, ob mit zwei Getränken und einer Bratwurst in der Hand, ob zum dritten Mal vom Toilettengang zurück, jeder musste auf Gedeih und Verderb seine Karte vorzeigen. Warum, um alles in der Welt, fragte ich mich, habe ich eine Karte mit Sitzplatznummerierung für diesen Block? Wenn jemand nicht authorisiert auf “meinem” Platz sitzen würde, ich könnte ihn an Hand meiner Karte…NoNoNo! Ordnung muss sein! Die gilt es zu demonstrieren. Himmel, was passiert denn wenn meine Glücksgöttin tatsächlich in die 1. Liga aufsteigt? Wird dann dieser Unsinn auch Erstligareif?

Ich träumte mich zurück ins gute  alte Paul-Janes Stadion in Flingern, den Bratwurststand mit Leckerwurst und die Bierbude im Rücken, frei verfügbaren Fanzonen, wo der Devotionalienhandel noch locker und unbürokratisch von statten ging. Und dann kam Wim. Als habe er gerade das entscheidende Tor für Oranje geschossen und den Wereldcüp geholt, so hielt er mir triumphierend eine schwarze, hässliche Platiktüte mit der Aufschrift: St.Pauli entgegen. Der Strampler!!! In Braun!!! Selten habe ich mich so geschämt. Für den “unnachgiebigen” Ordnungsdienst, der Wim doch tatsächlich den Weg frei gemacht hat in die NoGo-Area. In meinem ordentlichen Stadion mit den stursten Kartenkontrolleuren und der perfektesten Einlass-Logistik. Statt nun aber Scham und Betroffenheit kund zu tun hörte ich mich nur sagen: Wim, ich bin stolz auf Dich! Dass er mir im Gegenzug zu dem verdienten Sieg meiner F95 gratuliert hat, aus tiefstem und ehrlichstem Fernfahrerherzen, machte mich stolz und glücklich. You´ll never walk alone, Bruder. Dass wir uns zwei Tage zuvor beim Spiel BVB -Werder mit grünweißen und schwarzgelben Stramplern IM STADION ohne Probleme hätten eindecken können, eine Einlasslogistik vom Feinsten erleben durften bei der doppelten Zuschauerzahl – geschenkt.

Wahre Stramplerfarben sind eh nur ROT und WEIß, aber damit kann ich Wim nicht kommen. Und unserem Ordungsdienst schon gar nicht.

95 olé!

FriedeFreudeEierkuchen

Posted: 06/05/2011 in Politik

3. Januar 1991
Abhängen im Bett ist angesagt. Der vorangegangene Abend hat ganz schön mitgenommen. “
Saufen für den Frieden“, was für ein Motto, um sich mit guten Freunden in der vollbesetzten Uel in Düsseldorf die Kante zu geben. Der Beschluss, sich nicht mehr zweckfrei dem Gerstensaft hinzugeben war einstimmig gefasst worden und diente einem guten Zweck. Dem Frieden. Frieden im Nahen Osten. Das UN-Ultimatum gegen den Irak lief bald aus, die Amerikaner saßen in den Startlöchern und wir an blank polierten Holztischen. Bereit alles zu geben – für den Frieden. Jedes getrunkene Alt wurde von uns mit damals 2o Pfennig bezuschusst. Damit sollte die Friedenskasse aufgefüllt werden, denn wenn Hussein Israel angreift werden die Amis mit Feuereifer dabei sein, ein Pulverfass vor der Haustür, Spitz auf Knopf, da heißt es handeln und sich entsprechend wappnen…auch auf die Gefahr hin, sich einen mittelschweren Leberschaden einzuhandeln.
Opfer müssen sein.
Für den Frieden.

18.Januar 1991
Abhängen im Bett ist angesagt. Nachdem die Irakis auf stur geschaltet hatten, begann in der Nacht des 17.Januars der Golfkrieg mit massiven Luftangriffen auf Bagdad und von Bagdad auf Israel.
CNN übertrug live und in Farbe das widerliche Spektakel. Stundenlang.
Mit tiefen Ringen unter den Augen verfolgte ich die Geschehnisse und hatte gutmenschbeseelt die glorreiche Idee, meine Talente und Möglichkeiten in den Dienst der pazifistischen Sache zu stellen. Einige Anrufe und Gespräche später hatte ich eine Aktion gestartet, die mich wieder den Schlaf kosten sollte. Eine 24 stündige Friedenslesung in den Räumen der
Werkstatt, einem Kulturzentrum. Anschließend noch eine Open-Air-Lesung von Gandhi Texten, untermalt mit Percussion und Aktionen auf dem Jan-Wellem-Platz.
Was wurden wir beschimpft. Bespuckt. Bedroht.
Weil wir keine Trennlinie gezogen hatten zwischen Bush sen. und Saddam. Weil wir  den Krieg auf dem Balkan nicht explitit einbezogen hatten.
Weil wir antisemitische, antiamerikanische Ansichten vertraten (?).
Weil wir Frieden aus Mangel an Möglichkeiten ansahen (???).
Uns gingen, ehrlich gesagt, sämtliche Kriegsziele und Rechtfertigungstrategien einfach am Arsch vorbei. Zumal wir damals wußten und es bis heute nicht vergessen haben, wer die Waffen für die Kriege liefert. Wir wollten
Peace on Earth und We shall overcome ging uns mehr als leicht von den Lippen… Das wir nicht zusammengeschlagen wurden war alles.
Hätte für mich bedeutet: Abhängen im Bett ist angesagt…

15. Januar 2011
Rückblickend muss ich es gestehen: Abhängen im Bett hat mir mehr gebracht als jedwede Form von geleistetem Widerstand gegen Kriegstreiberei und pazifistische Aktionen, die ich damals an den Tag gelegt habe.
Während ich jahre- und nächtelang durchgezecht, gelesen, gewacht, gespielt und getobt habe, hat sich global folgendes abgespielt:

1983–2009 Bürgerkrieg in Sri Lanka
1983–2005 Sezessionskrieg in Südsudan
1990–1991 Zweiter Golfkrieg (UN-Koalition-Irak)
1991–2001 Jugoslawienkriege
1991 10-Tage-Krieg in Slowenien
1991–1995 Kroatienkrieg
1992–1995 Bosnienkrieg
1995 Massaker von Srebrenica
1999 Kosovokrieg
2001 Mazedonienkrieg
1991–2002 Bürgerkrieg in Sierra Leone
1992 Transnistrien-Konflikt
1992 Georgisch-Abchasischer Krieg
1992–1994 Krieg um Bergkarabach
1994 Völkermord in Ruanda
1994–1996 Erster Tschetschenienkrieg
1994–2006 Bürgerkrieg in Nepal
1996–1997 Erster Kongokrieg
1998–2000 Eritrea-Äthiopien-Krieg
1998–2003 Zweiter Kongokrieg
1999 Kargil-Krieg
1999–2003 Zweiter Tschetschenienkrieg
2000–2005 Zweite Intifada
seit 2001 Krieg in Afghanistan
2002–2007 Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste
seit 2003 Irakkrieg
seit 2003 Darfur-Konflikt
seit 2004 Kivu-Krieg
seit 2004 Südossetienkonfliktseit
2004 Unabhängigkeitskampf südossetischer Rebellen
2008 Eskalation im Sommer 2008
2006 Libanonkrieg
2008 Eritreisch-dschibutischer Grenzkonflikt
2008–2009 Operation
Gegossenes Blei Gaza (Hamas)/Israel
seit 2009 Krieg gegen die Taliban in Pakistan
to be continued

Noch heute wird beseelt für den Frieden
gebacken
gekocht
marschiert
gelaufen
geschlafen
gesungen
getanzt
gesammelt
gesendet
geklettert
gebetet
demonstriert
verhandelt
geschrieben
gelogen

Ein geniales Rezept für FriedeFreudeEierkuchen hat J.W.Goethe hinterlassen:

Faust I
Osterspaziergang:
[...]

ANDRER BÜRGER:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

DRITTER BÜRGER:
Herr Nachbar, ja! so laß ich’s auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib’s beim alten.
[...]
Na ja, egal. Wird schon. Das mit dem Frieden

Lebbe geht weida

Posted: 06/05/2011 in Gesellschaft
Schlagworte:

Eine Zeitreise

Eben wiedervereinigt mit den Brüdern und Schwestern von „drüben“, noch so gerade den Nato-Doppelbeschluss verhindert, den WM-Sieg gefeiert und mit großem Optimismus in das letzte Jahrzehnt des alten Jahrhunderts gestartet.

Lebbe geht weida…
Der Satz klingelt mir noch heute in den Ohren. Ein gewisser Herr Dragoslav Stepanovic, Trainer der Frankfurter Eintracht sagte ihn mit einem spitzbübischen Lächeln, wann genau das war, entzieht sich meiner Erinnerung. Wohl nach einer Niederlage oder dem Flug von einer Trainer-Abschussrampe. Es war Anfang der 90er Jahre. Vokuhla Frisuren kamen endlich aus der Mode, Heribert Fassbinder begann stets mit dem allgegenwärtigen „GutnAbndAllerseits“ seine Moderationen der Sportschau und Werner Hansch war noch die Stimme des Potts, wenn es galt den BvB, Schalke, den MSV oder Bochum zu kommentieren. Was mich in meiner Erinnerung outet als das was ich war und bin: ein Freund des gepflegten Rasensports.
Ich selbst war schwer damit beschäftigt im Theater die Enklave des Widerstands zu sehen gegen die bürgerliche Wenderomantik des Herrn Kohl. Es gab sowieso nur ein wahres Theater, das „Freie Theater“. Kreativ und herrlich selbst-ausbeuterisch verbrachte ich meine Tage und Nächte in ehemaligen, zu Kulturzentren umformulierten Schulen im Ruhrgebiet, die jede Menge Proberäume hatten. Weggefährten waren Willi Thomczyk, Joe Bausch, Ingo Naujoks und…Als Überlebende der 68er Bewegung,den Punk in der Birne und jede Menge illegaler Substanzen in der Blutbahn entwickelten wir einen gesunden Dogmatismus innerhalb der gesellschaftlichen Kulturblase, friedensbewegt, kritisch, antikapitalistisch, edel und gut. Die RheinRuhrschiene war und ist stets ein gutes Pflaster für von Robin Hood Infizierte.
Das die großen Knaller noch auf uns warteten, das war nicht vorhersehbar.

Lebbe geht weida.
Ziemlich schnell wurde allerdings klar, dass es in diesem Jahrzehnt nicht um den Grünen Punkt allein gehen könne. Das Symbol dieses Trennungswahns, bei dem leere Joghurtbecher noch gespült in den Müll entsorgt wurden, war an Yin und Yang angelegt, für die Ökobewegung Fluch und Segen zugleich. Ich gestehe, dass ich nie was davon gehalten habe. Und erst sehr viel später wurde mir klar gemacht, dass ich so falsch nicht gelegen habe. Aber davon zu einer anderen Zeit an einer anderen Stelle.
Ja, Lebbe geht weida.
In Jugoslawien implodierte das Staatensystem. Slowenien, Kroatien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina erklären sich für unabhängig. Die Folge sind eine Reihe von Kriegen auf dem Balkan. Für die Bundesbürger war das weit weniger tragisch als die daraus resultierende Asylantenflut und diese verdammte 0:3 Niederlage gegen Kroatien bei der WM 1998 in Frankreich.

Was war noch so los, im ersten Viertel des letzten Jahrzehnts?
Ach ja, Bush Senior „befreit“ Kuwait aus dem Klammergriff des Saddam. Was mich wirklich beeindruckt hat war die Tatsache, dass es der erste im Fernsehen LIVE übertragene Krieg war. CNN allerorten und durchgemachte Nächte vor der Glotze. In Bezug auf die verwendeten Rüstungsgüter und den Mobilisierungsgrad der Kriegsparteien war es zugleich der schwerste Krieg seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus zeichnete sich der Krieg durch die ungewöhnlich asymmetrische Verteilung der Kriegsopfer, die einseitige Verfügung des Kriegsendes und den hohen Grad an mittelbaren Umweltschäden aus. Fair Play sieht anders aus. Aber schon damals wurden kritische Stimmen, die sich generell gegen den Wahnsinn des Krieges richteten mundtot gemacht (FriedeFreudeEierkuchen).

Gabs eigentlich noch was außer Krieg in den 90ern?
Auf Schäuble und Lafontaine wurden Attentate verübt, Südafrika befreite sich sich und Nelson Mandela war der erste Präsident nach dem Ende der Apartheid. Das World Trade Center wurde von Islamisten ein erstes Mal einem Stresstest unterzogen, Dolly wurde geklont, das Schaf, Lady Di starb bei einem Autounfall und Elton John sang Good By Norma Jean, Clinton bekam einen praktikablen Blowjob (ohh, ahh, Monica) und verliert seinen Job, Schröder wurde Kanzler (gib mir mal ´ne Flasche Bier) und das alles unter stiller Anteilnahme der Generation X und der Generation Golf.

Wäre alles nur Politik gewesen, was dieses Jahrzehnt ausgemachte, es könnte einem schlecht werden.
Aber Gates sei dank wurde ich mit Win 3.0 und später 95/98 in die schöne neue digitale Welt eingeführt. An meinen ersten Kontakt mit dem WeltWeitenWeb möchte ich heute gar nicht mehr denken. Diese futuristische Geräuschkulisse meines Modems. Einfach nur Wahnsinn. Damals gab es auch ein paar findige Jungs, die sich das Internet gleich als altruistisch getarnte Plattform aneigneten. Kostenlos.de, alles was es im Internet umsonst gibt, das war damals der Hammer. Dazu Ausdrucke mit Nadeldruckern, die sich übrigens erstaunlich lange in Sparkassen-Filialen gehalten haben. Vielleicht stammt die Bosheit der Banker aus dieser Zeit. Gott sei es gedankt, dass es bald den Tintenstrahler gab. Diskman statt Walkman. Nur geil. Und dann CDs statt MCs. Fremdeln war angesagt angesichts der Vielfalt der Neuerungen. Fundamentalismus pur. Technikfeindlichkeit als Glaubensfrage.

Und dann das noch. Musik pur für das Golf Cabrio: Hip-Hop, R&B, Eurodance, Techno, Trance, House, Rave, Jungle, Drum ’n’ Bass, Trip-Hop, Indie-Rock Alternative, Britpop. Bands wie Oasis und Blur Guns N’ Roses, Metallica, Limp Bizkit und Slipknot, Rage Against the Machine, Nirvana und Pearl. Jam.Boygroups wurden populär: New Edition, New Kids on the Block oder Bros, Boyz II Men, TLC, Take That, Destiny’s Child, Backstreet Boys, En Vogue, *NSYNC, Salt’N’Pepa, Westlife und die Spice Girls. Freddy Mercury stirbt und Queen lebt – ungerecht aber immerhin. Stur hielt ich meinen alten Rockkumpanen die Treue. Status Quo, ein Halleluja für drei Akkorde, die Stones und ihre Weggenossen waren und sind für mich zeitlos.
Aber: Lebbe geht weida.

Michael Schumacher versaute mir die Sonntag Nachmittage mit seinem Rumgekreise aber zum Ausgleich kam die Dauerwelle aus der Mode. Bei Frauen lagen zu dieser Zeit „Multicolor-Strähnen“ schwer im Trend. Es roch in den Bussen und Straßenbahnen nicht mehr nach „4711, Echt Kölnisch Wasser“, dafür wurden DeoRoller Überlebensgut.

Wie war es möglich, diese Zeiten zu überstehen ohne dass es zu irreparablen Folgeschäden kam? Wie konnte es passieren, dass sich im Fernsehen Der Prinz von Bel-Air, Die Simpsons, Golden Girls, Die Nanny, Beverly Hills, 90210, Baywatch – Die Rettungsschwimmer von Malibu, 21 Jump Street (uhh mit Jonny Depp), Walker, Texas Ranger, Roseanne, Cybill, Sabrina – total verhext!, Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI, Eine schrecklich nette Familie, Die Kommissarin, Ally McBeal, Raumschiff Enterprise: Das nächste Jahrhundert (in Deutschland), Deep Space Nine, Raumschiff Voyager, Twin Peaks durchsetzen konnten aber Captain Future in der Versenkung verschwand. Dafür lebt die Lindenstraße heute genau so weiter wie GZSZ. Formate des inneren Zusammenbruchs, der Kapitulation vor der Bürgerlichkeit.

Handi koi Schnur?Die Handys bekamen ein tragbares Gewicht und zerbeulten nicht mehr die Taschen. Wiewohl diese kleine Kommunikationsmaschine der altgedienten gelben Telefonzelle klarmachte, dass ihr letztes Bimmeln gekommen war. Damals war das Repertoire der Klingeltöne allerdings von irgendwelchen sadomasochistischen Technikern erdacht worden. Auf die Spitze getrieben wurde alles nur noch durch die Tamagotchis. Hier ging es um den Existenzkampf einer fremden Rasse, auf Uhrenformat komprimiert, die es am Leben zu halten galt.

Und Kino. Legendär die Schmalzlocke Travolta in Pulp Fiction (die Erkenntnis, dass Hamburger anders gewichtet werden sowie die Geheimnisse des metrischen Maßes wurden mir erst hier deutlich), Men in Black, oder der unwiderstehliche König der Löwen, Independence Day und Matrix waren Leuchtfeuer im Dunkel des Kinosaals. Ultimativer Crashpunkt aber war wohl Kevin-Allein zu Haus. Serienweise wurden Kinder auf diesen Namen getauft. Manchmal denke ich, die Leute bekamen nur Kinder, damit sie ihnen den Namen Kevin geben konnten. Und lang waren die Schinken. Der sich den Wolf tanzt und Titanic, Schindlers Liste brachten die Multiplex-Kinobetreiber auf die grausige Idee, den Zuschauern etwas US-Marschverpflegung zur Kinokarte zu verkaufen.

Ich hasse sie zutiefst bis auf den heutigen Tag diese überladenen NachoColaPopcorncontainer, die einen mit dem widerlichen Charme von Frittenbude umnebeln. Wenn ich essen will gehe ich nicht ins Kino, Ihr Vollpfosten!!!.


Egal, Lebbe geht weida.
Dieser Satz gab mir den Halt, dieses merkwürdige Jahrzehnt zu überstehen. Dass ich in dieser Dekade mit der Geburt meiner Tochter den ultimativen Kick erlebt habe, das lässt mich dann doch an das Gute glauben.

Lebbe geht eben immer weida.

Danke Drago!


Eine Randnotiz.

Das Szenario gleicht einem amerikanischen Hollywood Blockbuster.
Nacht: Das Kommando der Navy Seals, die berüchtigte US-Elite-Kampftruppe, greift in Pakistan das Versteck des Top-Terroristen Osama Bin Laden an. Die 2300 Soldaten starke Elitetruppe der Navy ist auf sogenannte “capture-kill”-Missionen spezialisiert, bei denen eine Zielperson entweder gefangengenommen oder getötet wird. Hier ist es ein ausgewähltes dreckiges Dutzend.
Einer der vier eingesetzten Hubschrauber verfängt sich, stürzt ab und wird von den eigenen Leuten gesprengt. Spurenbeseitigung. 40 Minuten dauert der Einsatz in der Villa Bin Ladens, dann die Botschaft in den Situation Room im Weißen Haus , wo der Präsident und sein Stab den Einsatz live verfolgen: Osama ist tot. Der Gründer und Chef des Terrornetzwerks Al Qaida wurde in der Nacht zum Montag zur Strecke gebracht. Die Rechtfertigung für diese in jeder Hinsicht völkerrechtlich fragwürdige Aktion, Bin Laden hat sich gewehrt, zuerst geschossen, erst dann wurde er durch einen Kopfschuss getötet. Die Leiche habe man mitgenommen, später dann nach islamischem Ritus im Meer versenkt.

So weit so (un)gut.
Denn was nun folgt ist in jeder Hinsicht interessant.

Die Bilder lernen tanzen!

Beginnend mit den nächtlichen Jubelfeiern in New York und Washington. Amerikanische Bürger tanzen und skandieren USA,USA, als habe man ein Match gegen Russland oder Kanada im Eishockey gewonnen. Das amerikanische Trauma wird herbeizitiert um die pietätlose Begeisterung zu erklären. Schließlich sei das Verhalten doch menschlich verständlich nach all dem Unglück, dass der Al-Qaida-Chef über Tausende unschuldiger Menschen gebracht hat. Und man dürfe nicht den 11. September vergessen…Jimmy Kimmel vom Sender ABC entdeckt: “Es ist das erste über Twitter gestreute Todes-Gerücht, das sich als wahr erwiesen hat.”

9/11, die numerische Ikone des Terrors brennt sich wieder einmal auf unsere Netzhaut. Neben nicht verifizierbaren Bildern aus Pakistan, die den Angriff zeigen (sollen), stürzen immer wieder im Minutentakt auf allen TV-Kanälen die Hochhäuser ein, werden wild Kausalketten geknüpft.

Bin Laden Mediastar.
Gleich acht Seiten räumt die “Frankfurter Rundschau” für das Ereignis frei. Der Berliner “Tagesspiegel” setzt sich in seinem Kulturteil mit den Freudenfeiern in den USA und dem menschlichen Rachebedürfnis auseinander. Auf fünf ausschließlich Osama gewidmeten Seiten bringt es die “Bild”-Zeitung. “Laden-Schluss” titelt die linke “Tageszeitung” Und so fort.

Allerorten Erleichterung.
Die Bundeskanzlerin freut sich gar über den Tod.  Merkel hat am Montag gesagt: “Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.” Sein Tod sei ein “großer Erfolg” im Kampf gegen den Terrorismus. Was sie später (natürlich) relativiert. Warum sagt sie es dann? Zweifel an ihren Beratern sind angebracht. Zweifel am bewaffneten Bin Laden. Zweifel an Bin Laden generell. So oft totgesagt und jetzt endgültig erledigt? Zweifel an der Rechtsstaatlichkeit. Aber Zweifel werden schnell weggefegt. Wer zweifelt, der spiele den fundamentalen Islamisten in die Hände. So wie die Zweifel, dass es Bin Ladens Terrorpiloten waren, die die Twin Tower zum Einsturz brachten, ebenso vehement mit der Vokabel Verschwörungstheorien abgekanzelt werden, wie nun der Zweifel am Ablauf der Operation Codename”Geronimo” …
Randnotiz:(Geronimo war ein Häuptling der Apachen, der Ende des 19. Jahrhunderts mehrere Jahre gegen die Truppen der USA und Mexikos kämpfte, bis er sich 1886 schließlich ergab. Sein Kampf machte ihn zu einem der berühmtesten Indianer Nordamerikas. Zeitweise wurde er von tausenden amerikanischen und mexikanischen Soldaten gejagt und verbrachte Jahre im Gefängnis und in der Verbannung. 1829 geboren, starb er 1909 im 80. Lebensjahr in einem Reservat an einer Lungenentzündung. )

Alles ist gut.


Der Mainstreamjournalismus veröffentlicht ungeprüft Bilder des toten OBL, obgleich sich sehr schnell herausstellt, dass es sich um eine Fälschung handelt. Die Presse bleibt im Gleichschaltungsmodus. Die Politik fordert zur Wachsamkeit auf. Die Terrorgesetze sollen verschärft werden. Hurra, wir verblöden, uns beschei..t der Staat!?!

Wem nützt, wem schadet das?
Das US-Imperium schickt seine killing seals nach Pakistan, um einem angeschlagenen Präsidenten den Stuhl zu retten. Es scheint, dass die auch in Amerika um sich greifende Kriegsverdrossenheit neu entfacht werden soll. Schließlich geht es um die Pfründe der amerikanischen Rüstungsindustrie. Die Rechnung zahlt der amerikanische Steuerzahler. Der will bei Laune gehalten sein. Der Vergeltungskrieg gegen die Taliban in Afghanistan hat allein die USA 400 Milliarden US-Dollar gekostet. Zum Vergleich: Ein Monat Schule in einem asiatischen und moslemischen Land wie Indonesien kostet (roundabout) 10 US-Dollar. Pro Kind. Bildung, nicht Krieg stabilisiert Gesellschaften.
Wissen ist die Macht, sich nicht wie ein Esel vor einen Karren spannen zu lassen, dessen Fracht er nicht kennt. Die Möhre, die dem tumben Esel vorgehalten wird, die heißt Terrorgefahr, radikale Islamisten, Bedrohung, Al Kaida, Krieg.  Wir haben gelernt, mit dem Krieg zu leben, wir hatten dafür 10 000 Jahre Zeit, aber wir haben keine Ahnung, wie wir mit dem Frieden leben sollen. Also kämpfen wir weiter gegeneinander, bei der Arbeit, auf der Straße, zu Hause oder in der Liebe, während wir uns wünschen, dass es anders ist, und gleichzeitig denken, dass das nicht sein kann, weil es schon immer so war. Dazu passt der Kapitalismus, ein Wirtschaftssystem, das statt des Miteinanders das Gegeneinander fördert, die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln. “Heutzutage beginnt man eine militärische Krise nicht, um einen Krieg zu gewinnen, sondern um ein Darlehen der Weltbank zu erhalten.” Da kann ja mal ein Friedensnobelpreisräger einen Einsatzbefehl geben, der jedwedem Rechtsverständnis Hohn spricht.

Milliarden Menschen werden nicht über die wahren Ziele der Hochfinanz aufgeklärt sondern gemolken wie Kühe. Die Zocker sitzen wieder an ihren Tischen und verprassen für ihre Gier Staatsvermögen und Existenzen. Das Stimmvieh erhebt nicht seine Stimme auf dem Weg zur Schlachtbank. Warum auch? „Et hätt doch immer noch joot jejange“ sagt der Rheinländer.

Japan gerät inzwischen medial aus dem Fokus, das Elend und Leid der japanischen Bevölkerung erscheint nur noch als eine Randnotiz.

Atomkraftwerke werden europaweit nicht mehr einem Stress-Test sondern einem Light-Test unterzogen, eine mögliche Terrorgefahr wird hier ausgeklammert. Eine Randnotiz. Und Unrecht wird zu Recht erklärt. Auge um Auge, Zahn um Zahn. So alttestamentarisch liest sich die Begeisterung über den möglichen Tod eines Arschlochs der Weltgeschichte. Menschenschlachter wie Mugabe aus Simbabwe aber dürfen unbehelligt zur Seeligsprechung verstorbener Gottesvertreter im Vatikan auftauchen. Eine Randnotiz. Mit Afrika blutet sich ein Kontinent aus, damit die Interessen der Industrienationen gewahrt bleiben. Und wir unseren Müll dorthin schicken können.

Ach, was rege ich mich auf. Sind eh nur Randnotizen.


Obsoletes Wachstum

Posted: 27/04/2011 in Politik

Der Begriff Obsoleszenz (Veralterung) bezeichnet die künstliche oder natürliche Veralterung eines Produktes. Das zugehörige Adjektiv obsolet im Sinne von „nicht mehr gebräuchlich, hinfällig“ bezeichnet generell Veraltetes

Meine Freunde haben ein Problem mit mir. Ich kann mich nämlich schlecht von Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs trennen. Das verursacht oft schlechte Laune. Auf beiden Seiten. An guten Ratschlägen, diesen Zustand zu verändern, mangelt es nicht. Lass doch einfach mal los oder Was Du ein Jahr lang nicht gebraucht hast, kannst Du in die Tonne kloppen – eine alte chinesische Weisheit, die Dich im Gleichgewicht hält sind noch harmlose Versuche, mich davon zu überzeugen, dass ich nicht alles aufbewahren sollte. Ich werde mehr und mehr zum Exoten in einem sich funktional-steril gerierenden Freundeskreis. Wenn Du wenigstens Ordnung halten würdest…
Anlässlich meines letzten Umzugs wurde ich dann doch buchstäblich genötigt, u.a. ca. 100 VHS Cassetten dem Sperrmüll zu übergeben (
da guckst Du doch eh nicht mehr rein).
Plus einem alten PC, Drucker, Monitor, Boxen, die es bestimmt noch taten, Zeitschriften, Magazinen, Möbeln, Kleinkram undundund…

Wo kommen die ganzen Dinge eigentlich hin, die ich einst für Teuergeld erstanden habe? Wohin gehen die Dinge, von denen man mir einredet, sie seien nicht mehr gebräuchlich, also obsolet?

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft aber wo ist das Sammellager für das ganze Zeug, das ich abgebe, weil ich es nicht mehr gebrauchen kann?
Im Müll.
Getrennt. Gesäubert. Verbrannt. Vergraben. Und Verschifft.



Der digitale Friedhof in Ghana

Als die große Finanzblase platzte kam die BundesMutti um die Ecke und verordnete ein WACHSTUMSBESCHLEUNIGUNGSGESETZ!

Yes, we can! You can get it if you really want! Let it grow! Wachse! Konsumiere!
Kaufen, kaufen, kaufen! Damit es mit dem Wachsen auch klappt! Nur so bleiben wir konkurrenzfähig.

Die Natur entledigt sich hinfälliger Dinge. Was auf der einen Seite wächst stirbt auf der anderen Seite ab.

Meine Yucca Palme stößt ständig Blätter ab und lässt neue wachsen.
Die Lebensdauer der menschlichen Zellen ist verschieden, sie hängt von ihrer Aktivität ab. 90 % unserer Körperzellen werden jährlich mindestens einmal gewechselt.
Rote Blutkörperchen leben 120 – 130 Tage, Leberzellen 10 – 15 Tage, weißen Blutkörperchen 1 – 3 Tage.  Schleimhautzellen des Dünndarms 30 – 35 Stunden, also müssen etwa 74 % dieser Zellen täglich neu gebildet werden.

Wir bleiben im Prinzip immer gleich jung, auch wenn im Pass nachweislich etwas anderes steht. Forever young. Irgendwann läuft dieses Zellprogramm dann leider aus, es gibt keinen Update mehr und wir beißen ins Gras.

Dieses Prinzip wurde in der Industrie nachgebaut um z.B. die Haltbarkeit und Lebensdauer von Druckern, Waschmaschinen, Glühbirnen, Handys, Autos, PCs, Textilien, Möbel und dem ganzen restlichen Alltagskram zu verringern: eine Autobatterie schafft im Schnitt 4-6 Jahre, Reifen halten 10 Jahre, eine Glühbirne 1000 Stunden, Drucker haben 15.000 bis 18.000 Seiten oder 5 Jahre vor sich, entsprechend dem zuerst auftretenden Ereignis, etc.

Dass diese Obsoleszenz (Veralterung) geplant herbeigeführt wird steht außer Frage. Schon beim Herstellprozess werden in die Produkte bewusst Schwachstellen eingebaut oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden und muss ersetzt werden (built-in-obsolescence).

Sehr geschätzt und hofiert wird die Funktionelle und die Psychische Obsoleszenz.
Das Perfide daran ist, dass der Konsument seine Produkte nicht mehr in vollem Umfang nutzen kann ( Funktionelle Obsoleszenz). Er wird regelrecht gezwungen, neue Produkte zu kaufen.

Oder aber der Konsument stellt sich gesellschaftlich ins Abseits. Ein Produkt wird nicht mehr gewünscht, weil es an Popularität verloren hat und „out“ geworden ist. Dies geschieht oft durch Modetrends, aber auch durch technische Entwicklungen (z. B. die Abkehr von der Analog- zur Digitalfotografie). Das Produkt an sich ist aber noch uneingeschränkt nutzbar. Die Popularität wird wesentlich beeinflusst durch das Image, was eine Frage des Designs und der Vermarktung ist. Also ist das Design im Sinne von (modischem) Styling ein probates Mittel, künstliche Obsoleszenz herbeizuführen.

Hier hat sich der so gern als fortschrittlich und „grün“ gebende Konzern Apple besonders hervor getan. Für die Produktreihe seines ersten  ipods konnte kein neuer Akku gekauft werden, wenn der Alte in die Knie gegangen war. Statt dessen wurde offiziell angeraten, sich einen neuen ipod zu kaufen.

Wachsen heißt überleben?

Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Ressourcen werden von uns fahrlässig verschwendet, damit das Wirtschaftswachstum aufrecht erhalten wird.
Die Ressourcen hierfür stammen zu einem großen Teil aus der „3.Welt“.

Zum Dank für die Plünderung wird der entstandene Müll der Wegwerfgesellschaft dorthin entsorgt.

Aus den Augen, aus dem Sinn.

Hallo Welt!

Posted: 27/04/2011 in Allgemein

Willkommen in meinem digitalen Universum. Der Autor garantiert nicht für politische Korrektheit, auch nicht für ein ausgewogenes Meinungsbild. Damit befindet sich der Autor in einer illustren Reihe heutiger Mainstream-Medien. Oder glauben Sie im Ernst, dass alles, was die Medien veröffentlichen, der Wahrheit entspricht? Na dann glauben Sie sicher auch Folgendes:

Ein Elefant ist ein riesiges Tier mit einem gewaltigen, mit hornigen Widerhaken bewehrtem Rüssel, der Menschenleiber in einem Zug aufreißen kann. Drei Schwänze, ebenfalls bestückt mit dolchartigen Dornen, hat das Monstrum, zwei fürchterliche glühende Augen, die mordlustig blitzen. Einen in festem Stahl gerüsteten Soldaten zerreißt die Bestie mit einem Biss, denn seine Zähne sind scharf und lang. Augenzeugen berichten, wie er mit seinen scharfen Stoßzähnen, die ihm als weitere fürchterliche Waffe gegeben sind, kleine Kinder aufspießt, um sie dann zu verschlingen. Der Elefant ist eines der schlimmsten Raubtiere, die es auf Gottes Erden gibt.

Wer soll die Mär von den blutrünstigen Tieren glauben, die wir sogar unseren Kleinen als Stoffvariante in die Wiege legen, weil sie so nett aussehen? Niemand. Ja, alles richtig, stimmt ja, aber vor 250 Jahren glaubten viele, was weiter oben steht.

Wir sind in unseren Zeiten wieder dort angelangt, wo Denis Diderot, Jean-Baptiste Le Rond d’Alembert, Jean-Jacques Rousseau, Voltaire und Montesquieu angefangen haben. Beim mörderischen Elefanten. Und wir hören wieder: Das ist doch egal. Das macht doch nichts.

Doch das stimmt nicht.

Es ist nicht egal. Es macht was aus. Und es macht was mit uns, dieses Nicht-wissen-Wollen.

Aufklärung ist eine ziemliche Anstrengung, denn die Aufklärung verlangt von uns einiges, nämlich, wie Immanuel Kant aus Königsberg es so richtig sagte:

“Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.
Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.”

Vince Ebert ist gelernter Physiker, der in seinem Beruf als Kabarettist genau das macht. Für sein Programm “Denken lohnt sich! ” hat er einen kleinen hübschen Werbefilm gedreht, in dem er selbst als durchschnittlicher Nichtsahner in einem offenen Cabriolet durchs Grüne brettert und sich dabei eine Dose Fanta reinzieht. Es kommt, wie es kommen muss. Vince muss mal. Er parkt sein Auto nahe einer Kuhherde, die hinter einem Drahtzaun steht. Dann pinkelt er an den Zaun. Wir hören es nur ganz kurz britzeln, Kurzschluss. Dann ist der Spot aus. Ja, es ist sinnvoll – und zwar bevor man die Hosen runterlässt und damit seinen Neigungen freien Lauf -, darüber nachzudenken, warum die Kühe in so großem Abstand zum Zaun stehen. Es lohnt sich auch, Schilder zu lesen, auf denen steht: “Vorsicht, Elektrozaun! “.

Das Leben ist voller Kuhzäune, an die allzu leichtfertig gepinkelt wird. Oder wie war das noch mal mit der todsicheren Anlage, die der Investmentbanker empfahl? Oder der Rettung des Vaterlands durch den Staat, wen sonst?
“Denken Sie selbst sonst tun es andere für Sie”,
sagt Vince Ebert.

Und so ist es. Ökonomen, die nicht Klartext reden und die Öffentlichkeit suchen, fördern die Unbildung. Sie fördern die Kritiklosigkeit, die Krankheit unserer Zeit. Karl Popper, nicht nur Vorbild des Physikers und Vorführ-Meisters Vince Ebert, hat das immer wieder gesagt. ” Jeder Intellektuelle hat eine ganz besondere Verantwortung. Er hatte das Privileg und die Gelegenheit zu studieren; dafür schuldet er es seinen Mitmenschen (oder , der Gesellschaft’), die Ergebnisse seiner Studien in der einfachsten und klarsten und verständlichsten Form darzustellen. Das Schlimmste – die Sünde gegen den heiligen Geist – ist, wenn die Intellektuellen versuchen, sich ihren Mitmenschen gegenüber als große Propheten aufzuspielen und sie mit orakelnden Philosophien zu beeindrucken. Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann.” 

Das geht, und es ist wichtig. Diderot hat das vor 250 Jahren schön auf den Punkt gebracht. Die Emanzipation ist ein langer, harter Weg, und sie erfordert Konsequenz. In einem Brief an Voltaire schrieb Diderot:

“Unsere Devise lautet: Kein Pardon für Abergläubische, Fanatiker, Unwissende, Narren, Bösewichter und Tyrannen – und Sie werden es hoffentlich an mehr als einer Stelle erkennen.”

In diesem Sinne
noch einen guten Flug durch mein digitales Universum!