Deutschland hat es aufs Treppchen geschafft. 3.Platz. Hinter den USA und Russland aber noch vor Frankreich, Großbritannien, Spanien und China! Jetzt aber erst mal einen großen Schluck Schaumwein. Ein Grund zum Feiern!
Sollte man meinen.
Es ist aber nicht die Weltrangliste für Fußball, Skating, Freeclimbing, Halma, Tapezieren oder Bier trinken, in der Deutschland so weit oben steht.
Nein, Waffenexport ist das gesuchte Wort. Die Firmen, die das erreicht haben, heißen Krauss-Maffei Wegmann und Heckler & Koch, EADS-Cassidian, Rheinmetall und -natürlich- ThyssenKrupp. Tradition verpflichtet. Um die 80.000 Menschen stehen hier in Lohn und Brot. Das ist ein Pfund. Mit dem kann man wuchern.
Was, bitteschön, ist daran so schlimm, dass sich die Deutsche Wirtschaft so fleißig um Aufträge im Waffenwesen bemüht. Schließlich werden Steuereinnahmen generiert und die sozialen Sicherungssysteme profitieren auch davon. Außerdem: Deutsche Exporte gehen ja nicht an die Bösen, die Schurken, da sei das Kriegswaffenkontrollgesetz vor. Nein, so viel steht fest, bevor wir über Moral reden, müssen wir erst mal essen. Und voller Mund spricht nicht. Wenn wir nicht die Waffen verkaufen, die wir hier in unserem friedensbewegten Land schaffen, dann machen es die Anderen. Was ist gegen Qualität einzuwenden. Friedlicher wird die Welt ohne deutsche Waffen nicht. Der Mensch ist ein aggressives, an Ressourcen orientiertes Tier. Punkt und Ende.
So wird ein einfaches Meinungsbild in Taka-Tuka Land gestrickt. Ich mach mir die Welt, lalalala so wie sie mir gefällt. Der deutsche Michel, in vorauseilendem Kadavergehorsam geschult, hat mal wieder in seinen Gedanken-Sparmodus geschaltet. Er glaubt, was er sagt, weil er glaubt, dass er etwas gesagt hat, wenn er etwas sagt.
Und was sagt er so, der Michel?
Zitiert aus SpON:
„Eine Welt ohne Krieg und Mord und Totschlag ist genau so toll wie unrealistisch. Warum nicht also noch ein Paar Arbeitsplätze sichern? Auch in der Maschienengewehrfabrik arbeiten Familienväter-/Mütter!“
„Wir können froh sein, dass Deutschlands Rüstungsindustrie offenbar im Stande ist, begehrte Waffen zu entwickeln und zu verkaufen. Bei anderen Technologien ist da der Zug längst abgefahren. Dieser Export stabilisiert das Land – und im Übrigen auch die dadurch finanzierten Sozialleistungen etc.
Es ist doch schon tragisch genug: Drei Bundesländer (Bayern, Baden-Württemberg und Hessen) stemmen den Länderfinanzausgleich – und jetzt auch noch die Euro- und Bankenkrise.
Und dann will man kritisieren, wie dieses Geld erwirtschaftet wird?“
„In welcher Welt leben diese Kritiker eigentlich: Ohne Exporteinkommen auch aus Waffenhandel, würde uns dieses Hartz IV- gepamperte Land mit seinen zahllosen Arbeitsunwilligen mit oder ohne Migrationshintergrund und den fragwürdigen Bankenhilfen und Hilfen für Griechenland, Italien, Spanien, Irland und Portugal schon lange um die Ohren fliegen!“
„Waffen sind Teil der Menschheit seit Anbeginn der Spezies, sie wurden immer gebraucht und werden immer gebraucht.
Eine Welt in der keine Waffen mehr existierten, wäre eine andere Welt mit anderen Menschen, die wir aber nicht sind. Aus diesem Grund sind auch alle sozialistischen Experimente fehlgeschlagen. Glücklicherweise.“
Hey Pipi Langstrumpf, fallari fallara fallahoppsassa…
Mit Logik hat das alles nicht zu tun.
Susan Greenfield, eine der führenden Neurowissenschaftlerinnen, sagt: “Logik ist so ziemlich das Letzte, womit sich unser Gehirn beschäftigt. Das Gehirn rechnet nicht, es will sich bloß wohlfühlen.”
Wohlfühlen?
Da sperrt sich der Verstand. Aber er spannt auch aus. Je nachdem, aus welcher Hülle er funkt.
Die hier Zitierten sind sich sicher, was das Wesen des Menschen betrifft, was die Tragweite ihrer Argumente angeht sicher nicht.
“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
Schlussfolgern wir logisch, was der deutsche Philosoph Immanuel Kant in Form seines “Kategorischen Imperativs” als „vernünftig“ darstellt, dann entsteht ein Dilemma. Michel meint, der Mensch sei wie er ist, nun ja, das könnten wir noch ändern. Mit etwas freiem Willen. Michel meint aber auch: “Wenn wir es nicht tun, das Waffenverscherbeln, dann tun es eben die anderen. Hauptsache die Wirtschaft brummt.” Das freut doch sicher die Opfer kalter und heißer Kriege, dass sie von “Leopard”, Typ 214 oder MP5, Eurofighter und anderem Qualitätsgut made in germany niedergemacht werden. Die Entscheidung wurde sich nun wirklich nicht leicht gemacht. Michel fühlt sich wohl und kann sein persönliches und moralisch für gut befundenes Anspruchsdenken vor seinem Breitbildschirm-Realitätsfilter abfeiern. Wir sind das Land der Denker, das lassen wir uns nicht nehmen.
Sicherlich ist es ein wenig kurz gedacht, wenn man Rüstungsverkäufe damit rechtfertigt, dass das Geld sonst anders wohin geht. Das ließe als Schlussfolgerung zu, dass es auch gerechtfertigt sei, weitere AKWs ans Netz zu bringen, die Sklaverei wieder einzuführen und letztlich den Drogenverkauf und die Kinderprostitution wieder in die eigene Hand zu nehmen. Sonst machen das die Anderen. Warum soll der liebe Michel nicht einen Vorteil daraus ziehen?
Es ist zu hinterfragen, wenn Produkte hergestellt werden, deren einziger Zweck das Verletzen und Töten von Menschen ist, warum diese subventioniert werden und es ist auch zu hinterfragen, warum Firmen damit Milliarden verdienen. Und wer, wenn nicht unser Michel, wird mit dem abgehangenen Angstszenario des globalen Terrorismus so verschreckt, dass er es inzwischen schon als normal empfindet, dass deutsche Soldaten im Kongo und Afghanistan, Somalia und dem Balkan als Handelsvertreter der Totmacher auftreten?
Angeliefert werden die Frieden stiftenden Industriegüter natürlich nur an die Guten. Das ist wichtig und hilft, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Wenns dann mal aus dem Ruder läuft, wie bei Obama und den USA oder dem Irak/ Iran und den USA - egal. Es gibt gut klebende Label, erhältlich in jedem ordentlich sortierten Gehirnwäscheunternehmen, die aus Staatsfreunden schnell Staatsfeinde machen. Man konnte ja nun wirklich nicht ahnen, dass der Gaddafi ein irrer Diktator ist, der mit deutschem Material auf sein Volk losgeht…Waffen nur dahin, wo sie mit Verstand eingesetzt werden, diese Maxime grenzt schon an Verstandsverweigerung.
Selbst die anrührend klassenkämpferisch auftretenden Gewerkschaften sitzen in der Widerspruchsfalle. Wie soll denn die IG Metall noch zu Ostermärschen aufrufen, „Frieden schaffen ohne Waffen“ und „Abrüstung jetzt“ fordern und sich gleichzeitig für den Erhalt Tausender Jobs in der Rüstungsindustrie einsetzen, weil der Wehretat gekürzt werden soll? Moralisch sind die Gewerkschaften längst ein Insolvenzfall geworden.
Die Anpassung an den ehemaligen Gegner hat sich perfekt vollzogen. Aus der zerbrechenden Welt der Industriegesellschaft wird versucht zu retten, was zu retten ist. Im Klartext: Geld, Macht, Einfluss, Posten.
Da wird es tragisch. Früher gab es für Heavy-Metal Konzerne wie Rheinmetall gute Rüstungsaufträge, aber kein Ansehen in der Bevölkerung. Jetzt kommt der Meinungsumschwung, aber gekürzte Budgets zwingen zum Sparen.
Wie soll man da denn noch gute Geschäfte machen? Und vor allem: Womit?
Alles eine Frage des Anstands.
Aber was ist das schon, Anstand? Das Wort Anstand stammt aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Wenn ein Heerführer mit dem Chef der gegnerischen Truppe einen Waffenstillstand ausgehandelt hatte, dann mussten sich die Soldaten “hinten anstellen”. Sie mussten Geduld aufbringen, sich Zeit lassen, warten. Der Anstand nahm die heiße Luft aus der Konfrontation, er brachte die Mannschaften dazu, nicht voran zu preschen, sondern ihren Normalzustand wiederzufinden.
Michel, hier wäre doch mal der Augenblick gekommen, innezuhalten. Sich mal vom Sachzwangverwalter verabschieden. Das ist nämlich kein Beruf, das ist großer Mist, das Gegenmittel heißt Anstand! Waffenexporteure sind keine Friedensstifter, es sind Profiteure der Angst und der Krisen, die sie selbst schüren. Schließlich verstehen diese „Herren“ etwas von ihrem Kerngeschäft.
Vielleicht hilft es aber auch, einmal mit geöffneten Ohren ins Kino zu gehen. Und etwas dazu zu lernen. Wie das mit dem Anstand gehen kann das sagt uns der Richter Leonard White in „Fegefeuer der Eitelkeiten“ nach der Romanvorlage von Tom Wolf: “Das Gesetz ist des Menschen wahrhaft klägliches Bemühen, die Prinzipien festzuhalten, die der Anstand gebietet. Der Anstand! Und Anstand ist doch kein Geschäft, ist keine Mauschelei, kein Vertrag, kein schneller Deal. Anstand ist das, was Ihre Großmutter Sie gelehrt hat. Es steckt in Ihren verdammten Knochen. Und jetzt gehen Sie nach Hause und versuchen Sie, anständige Menschen zu sein. Versuchen Sie es.”
Also Michel, nachladen!
Den Verstand, nicht das Gewehr!!!













